Berliner Kurier, 14.05.2010

MIETERHÖHUNG AUS RACHE?

Miet-Mobbing in Kreuzberg

Sebastian Jung (35) soll jetzt 657 statt 355 Euro zahlen!

Kreuzberg – Für Gier-Vermieter ist Sebastian Jung (35) eine echte Gefahr. Denn als Gründer der Initiative  „Sozialmieter.de“ scheut er keine Mühe, ihnen auf die Füße zu treten. Vor allem im Fanny-Hensel-Kiez, wo er selbst lebt, kämpft er gegen die Vertreibung sozial schwacher Bewohner. Die Hausbesitzer verpassten ihm dafür jetzt offenbar die Quittung: Sie erhöhten seine Miete – von 355 auf 657 Euro kalt!

Ungläubig starrt der Mieter-Aktivist auf den Brief in seiner Hand. Aber dort steht die neue Summe schwarz auf weiß. Jung: „Die Warm-Miete beläuft sich dann auf 822 Euro. Für anderthalb Zimmer!“ Darin kann er nur eine Rache-Aktion für seine Unbequemlichkeit erkennen.

Denn zeitgleich erreichte ihn ja auch noch dieses merkwürdige Fax seiner Hausverwaltung: „Es war eine Annonce für eine Wohnung in Kreuzberg. Genauso teuer, aber doppelt so groß.“ Ein Aufruf zum Wegziehen lässt sich nicht klarer formulieren …

Aber wie konnte es erst soweit kommen? Im Februar ging allen 31 Miet-Parteien, viele von ihnen Hartz-IV-Empfänger, eine drastische Erhöhung ein. Bei Jung stieg die Kalt-Miete um mehr als 30 Prozent von 268 auf 355 Euro.

Sogar der Bauausschuss des Abgeordnetenhauses befasste sich mit dem Thema. Denn in Berlin sind 28 000 Wohnungen sozial schwacher Mieter von Vertreibungs-Aktionen betroffen (KURIER berichtete).

„Eine zweite Erhöhungs-Welle im April betraf nur türkisch und arabischstämmige Mieter“, sagt Jung. Und auch das machte er öffentlich. Für Reiner Wild vom Berliner Mieterverein gibt es „keinen Zweifel“, dass Jung jetzt mit einer weiteren Mieterhöhung, die ja nur ihn betrifft, mundtot gemacht werden soll.

Ganz anders stellt das Eigentümer-Sprecher Frank Fitzke dar: „Die Erhöhung war doch abgesprochen, damit Jung einen Anlass für eine Verfassungsklage zum Mietrecht hat.“ Das weist Jung ganz entschieden zurück. Er droht Fitzke mit juristischen Gegenmaßnahmen.

MOW

Miet-Mobbing in Kreuzberg
Artikel im Berliner Kurier vom 15. Mai 2010